Nov2013 28

Robert von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes und Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat vor einigen Tagen ein für großen Wirbel in der Schachszene sorgendes Telefoninterview beim Deutschlandfunk gegeben. In dem knapp siebenminütigen Gespräch lässt er kaum ein gutes Haar an dem neuen Schachweltmeister, dem Norweger Magnus Carlsen.

Gleich die erste, eher harmlose Frage des Redakteurs zu einem möglichen Schachboom nach der WM in Chennai nutzt von Weizsäcker zu einem unaufgeforderten Tiefschlag: „Ich hoffe auf einen Carlsen-Boom im Schach. Ob ich der Meinung bin, dass der inhaltlich-schachlich berechtigt sei, ist eigentlich eine andere Frage.“ Auf Nachfrage begründet er seine Ansicht damit, dass er den Weltmeisterschaftskampf selbst enttäuschend fand, macht dies aber an Carlsens offensichtlich erfolgreicher Matchstrategie und nicht an Anands Fehlern aus.

Über den neuen Weltmeister urteilt Robert von Weizsäcker: „Er gewinnt häufig, weil er der bessere Sportler ist und nicht unbedingt, weil der der bessere Schachspieler ist…Ich glaube übrigens auch nicht, dass Carlsen der beste Spieler der Welt ist, was das reine Schachverständnis angeht…Er spielt technisch praktisch fehlerfrei, aber irgendwie uninspiriert, blutlos und fast seelenlos die Partien runter.

Von Weizsäcker, früher selbst ein exzellenter Fernschach- und passabler Turnierschachspieler, bezeichnet den Computer (Anm.: gemeint sind Schachengines) als den Hauptlehrmeister Carlsens und widerspricht auch nicht, als der Redakteur den 22-jährigen Norweger als „besten menschlichen Computer“ bezeichnet.

Johannes Fischer hat in seinem Blog bereits vier Partien Carlsens aus den vergangenen anderthalb Jahren präsentiert, die aufzeigen, wie inspiriert und inspirierend Carlsen wirklich spielt. Ich möchte dies um einige, in der medialen Diskussion bisher unerwähnt gebliebene Aspekte erweitern. Noch vor wenigen Jahren wurde Carlsen dafür kritisiert, dass er Endspiele oft nachlässig behandelt und so halbe oder ganze Punkte verschenkt habe. Hier drei sehr bekannte Beispiele, zwei aus 2009 und ein aktuelles aus diesem Jahr:

Carlsen – Aronian, 2009

Carlsen, damals immerhin schon mit einer ELO-Zahl von 2776 ausgestattet, patzte mit 84.Tf1??, es folgte 84…f2! und das mögliche Bauernendspiel ist elementar gewonnen für Schwarz.

Carlsen – Radjabov, 2009

Carlsen übersah nach 47.Kf3? Sb5! die mögliche Springergabel 48.Ke3 b2 49.Tb4 Sc3! 50.Txb2 Sd1+!

Carlsen – Wang Hao, 2013

Weiß steht hier mit dem Rücken an der Wand, aber 64.Kf2! anstelle des gespielten 64.Kg2? hätte den König einen Schritt näher an das Feld e3 und damit auch dem Remis einen Schritt näher gebracht.

Wie hat sich Magnus Carlsen auf den WM-Kampf vorbereitet? Ein auf Facebook veröffentlichtes Video lässt erahnen, dass Carlsen möglicherweise exzessiv Endspiele studierte – achtet auf das zerlesene Exemplar von Fundamental Chess Endings.

Und in einer halbstündigen Dokumentation des norwegischen Fernsehens sieht man Magnus Carlsen beim Lösen von Endspielaufgaben. Wieder liegt der Klassiker von Müller/Lamprecht auf dem Tisch (Minute 2:15).

Auch der Aussage von Weizsäckers, Carlsen Partien seien blutleer und seelenlos, möchte ich widersprechen. Der Norweger ist ein Kämpfer, das hat er erst kürzlich in seiner Partie gegen Aronian in der letzten Runde des Sinquefield Cups gezeigt.

Carlsen – Aronian, 2013

In unklarer Stellung lehnte er im 37. Zug ein Remisangebot seines Gegners ab, obwohl ihm das den ungeteilten ersten Platz gesichert hätte. Carlsen gewann die Partie im 70. Zug und das Turnier mit einem Punkt Vorsprung.

Auch versteht es Magnus Carlsen wie kaum ein anderer, seine Gegner in scheinbar ausgeglichenen und langweiligen Stellungen vor immer neue Probleme zu stellen. In der vierten Partie des Weltmeisterschaftskampfs fand er in dieser Stellung bei gegnerischer Zeitnot

Anand – Carlsen, 2013

den Zug 56…Te6!? Hätte Anand nun den Bauern mit 57.Txg5?? verspeist, dann wäre 57…b5! mit unabwendbarem Matt gefolgt. In diesen oder ähnlichen Endspielen erinnert Carlsen eher an den unvergesslichen Bobby Fischer aus den Jahren 1968 – 1971. Wer hat Fischer damals vorgeworfen, eine eigentlich totremise Hängepartie gegen Mark Taimanov – seinerzeit wurden die Partien noch nach dem 40. Zug abgebrochen, und man konnte in Ruhe die Abbruchstellungen analysieren – weiterzuspielen? Fischer spielte, gewann die Partie und den Wettkampf mit 6-0 und wurde gefeiert.

Ich denke, Robert von Weizsäcker hat sich in seinem Interview übel vertan und einfach einen schlechten Tag erwischt. Natürlich war der WM-Kampf in Chennai aus rein schachlicher Perspektive für die Zuschauer eher enttäuschend. Das lag aber ausschließlich an Vishy Anand, der nicht nur fast 100 ELO-Punkte hinter Magnus Carlsen auf den siebten Platz der Weltrangliste abgerutscht ist, sondern offensichtlich auch die falsche Matchstrategie gewählt hat. Vielleicht hätten beide, von Weizsäcker und Anand, den hervorragenden Artikel How to beat Magnus Carlsen von Sergey Shipov im aktuellen New in Chess lesen sollen.

Ach ja, apropos besserer Sportler: In seiner Zeit als Präsident des Deutschen Schachbundes sprach Robert von Weizsäcker immer vom Schachsport! Und Magnus Carlsen hat sich mittlerweile auch geäußert, nachzulesen bei Spiegel Online.

 

2 Responses to “Uninspiriert, blutlos, seelenlos”

  1. Stefan sagt:

    acepoint, guter Kommentar mit belegten Gegenargumenten und informativen Quellenangaben.
    Auch der Hinweis auf Anands mangelhafte Matchstrategie ist wichtig:

    “I did play aggressive chess but Carlsen has made a career for himself by playing imposing chess. He is a versatile and diversed player with lot of resources and at times I forced him into aggressive position but couldn’t manage to bring him out of his comfort zone,” Anand said.
    “You block him in one area he quickly ships to the next, you block him there he ships some where else.”

    Eingefügt aus

    Die nächsten Gegner müssen sich halt auf Carlsens Stil einstellen müssen.

    Gruß

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