Hier im Münsterland gibt es einen Brauch. Am zweiten Weihnachtsfeiertag ziehen mehr oder weniger familienmüde und trinkfeste Menschen (meist Männer oder solche, die sich dafür halten) von Kneipe zu Kneipe. Jeder hat einen Stein in der Tasche, den er auf Anfrage auf die Theke legen muss. Kann er diesen Stein nicht vorweisen, kostet ihn das eine Runde. Das Trinkritual geht zurück auf den heiligen Stephanus der christlichen Religion. Laut Überlieferung wurde er etwa im Jahre 40 A.D. aufgrund seines Glaubens gesteinigt und gilt in der katholischen Kirche als erster Märtyrer.
Nun wird wieder ein Stephanus gesteinigt. Oder Stephan. Oder Stefan?! Oder Aaron? So genau weiß man das nicht, weil der gute Mann wohl ein Geheimnis um seinen Namen macht. «Aaron» passt auf jeden Fall eher zum Klischee eines politischen Vor- oder Querdenkers, «Stefan» wäre zu banal. Besser getroffen hat es das ehemalige Mitglied der Piratenpartei mit seinem Nachnamen. Denn da ist er ein König. Oder, besser gesagt: der Koenig! Ohne Umlaut, wie es sich für das digitale Zeitalter gehört.
Publikumswirksam hat er gestern, einen Tag nach dem – auch in meinen Augen – enttäuschenden Wahlergebnis der NRW-Piraten seinen Austritt aus der Piratenpartei erklärt. Seit Juni 2009 dabei, nach nur einem Monat schon Beisitzer im Bundesvorstand, hat seine Mitgliedschaft nicht einmal ein Jahr angedauert. Und vielleicht ist sein Rücktritt auch nicht am Tag nach der Wahl gewesen, sondern datiert fünf Tage vor dem Bundesparteitag in Bingen. Dort stehen unter anderem die Entlastung des Vorstands und dessen Neuwahl an. Auch das weiß man nicht so genau. Also, das mit dem Rücktritt meine ich, nicht die Entlastung und die Neuwahlen. Die stehen nämlich bereits seit Wochen auf der Tagesordnung und werden von einigen Piraten ungeduldig erwartet.
Auf seiner Benutzerseite im Wiki findet man wenig zu seiner eigenen politischen Arbeit für die Piratenpartei. Eigentlich gar nichts. Aber möglicherweise habe ich die 81 Hits der Wikisuche nicht aufmerksam genug gelesen. Starten wir einen nächsten Versuch und besuchen seinen Blog. Der heißt «politicool» und setzt sich nach eigener Aussage mit Politik im digitalen Zeitalter auseinander.
18 Mal sind dort seine Artikel mit dem Tag “Piratenpartei” versehen. Aber halt, laut Koenigs nun entfernten Disclaimer spiegeln seine Artikel nur seine eigene Meinung wieder, nicht die der Piratenpartei. Trotzdem lohnt hier ein genauerer Blick, und ich möchte exemplarisch ein Thema – wirklich nur eins
– herausgreifen:
Im November vergangenen Jahres erklärt der «Medienunternehmer und Journalist» ausführlich zu der Frage «Brauchen die Piraten neue Themen?», dass eine Erweiterung des Spektrums notwendig sei, um dauerhaft als Partei ernst genommen zu werden. Soweit sehe ich das genauso wie Stefan … äh, Aaron. Blättere ich aber weiter in seinem Blog, finde ich keine inhaltlichen Vorschläge mit Ausnahme eines dahingeklatschten «z.B. beim Steuersystem oder in der sozialen Sicherung».
Ebenso sehe ich keinerlei Aktivitäten in einem der zahlreichen AKs und AGs, die sich unter anderem um das Wahlprogramm der Piratenpartei NRW bemüht hatten. Auch versuche ich mich gerade vergeblich daran zu erinnern, ob der Koenig auf einer der diesjährigen Landesmitgliederversammlungen in NRW Hof gehalten … äh, sich aktiv beteiligt hat. Und einen warnenden Kommentar des Mannes, der sein wallendes Haar oft medienträchtig in die Kameras hält, speziell zum verabschiedeten Wahlprogramm der NRW-Piraten suche ich ebenfalls vergebens. Hinterher ist natürlich jeder schlauer, sogar ein selbsternannter Intellektueller.
Lassen wir ihn also in Frieden ziehen, den Stefan, es ist kein Verlust. Schaumschläger oder Opportunisten, die nichts anderes machen, als dem gerade aktuellen Hype hinterherzurennen, verdienen es nicht, gesteinigt zu werden. Es täte es mir Leid um die Steine, die ich dann doch lieber am zweiten Weihnachtstag in die Kneipe trage. Prost!
[Update Wed May 12 02:03:11 CEST 2010]:
Ich habe gestern versucht, einen kurzen Kommentar auf der Seite von Aaron Koenig zu hinterlassen. Nichts beleidigendes, einfach nur eine Frage und den Link zu diesem Artikel hier. Der Kommentar hat leider keine Gnade gefunden unter des Koenigs Augen.