Nov 06

 Am kommenden Freitag wird der Bundestag voraussichtlich den heftig umstrittenen Gesetzesentwurf  zur Neuregelung der TK-Überwachung  und zur Vorratsdatenspeicherung von Telefon- und Internetdaten entscheiden. Der Gesetzesentwurf geht zurück auf eine im Februar 2006 vom Rat der Europäischen Union verabschiedeten Richtlinie.

 In der Vergangenheit haben zahlreiche Verbände und Arbeitskreise gegen eine weitere Annäherung an einen "Orwellschen Staat" protestiert, unter anderem in einer Großdemonstration am 22.September in Berlin. In den Medien fand die Großkundgebung damals nur geringes Echo (siehe auch "die Demonstration, die es nicht gab"). Nun, wo es (fast?!) zu spät ist, wachen die Journalisten plötzlich auf. Heute wird in etwa 40 Städten nochmals demonstriert. Einige Beispiele der Medienberichterstattung[Update]:

 Grund: den eiligen Reportern wird auf einmal bewußt, daß auch ihre Berufsgruppe massiv von der Vorratsdatenspeicherung betroffen sein wird. Viele Informationen, die bisher von Insidern über die Medien an die Öffentlichkeit gelangt waren, wurden nur deshalb "gesteckt", weil die Informanten einen unbedingten Quellenschutz genossen, also sicher sein konnten, daß ihr Name nie mit der Publizierung eines Skandals in Verbindung gebracht werden konnte. Dieser Vertrauensschutz war und ist absolut notwendig, um die Presse als "vierte Macht" im Staat zu erhalten.

 Wenn nun in Zukunft alle Kommunikationsdaten für einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten gespeichert – und von Ermittlungsbehörden abgerufen – werden, ist dieser Quellenschutz passé. Potentielle Informanten werden sich in Zukunft hüten, befreundeten Journalisten per Telefon oder E-Mail brisantes Material zukommen zu lassen, weil sie dann mit direkten Konsequenzen rechnen müssen. Und die Journaille fürchtet nun plötzlich um ein wichtiges Standbein ihrer Arbeit.

 Zwei Dinge sind besonders traurig an der ganzen Geschichte:

 1. Ich selbst habe diverse Zeitungen sowie ARD und ZDF bzw. die Redakteure der entsprechenden Internetportale in der Vergangenheit mehrfach darauf angeschrieben, jedoch kein einziges Mal eine sachbezogene Antwort erhalten. Das Thema war den Journalisten offenbar nicht wichtig genug.

 2. In den meisten Artikeln und Berichten, die in den letzten Tagen erschienen sind, geht es den Autoren nicht um die Freiheit des Bürgers, die Durchsetzung von elemetaren Menschenrechten für alle Deutschen oder die Verhinderung  einer  weiteren Stufe der allgemeinen Überwachungsqualtät. Man liest leider nur von Journalisten als "Bürger zweiter Klasse" hinter Anwälten, Seelsorgern und Ärzten, die ebenfalls massiv von der neuen Regelung betroffen sein werden.

 Der Leser, also das eigentliche Klientel der Medien, interessiert offenbar nicht mehr. 


 

Sep 20

  Ein vernichtendes Urteil über den möglichen Einsatz von Bundestrojanern fällte Professor Hartmut Pohl (FB Informatik an der FH Bonn-Rhein-Sieg) in einem Aufsatz für die Zeitschrift Datenschutz u. Datensicherheit. Er anaylsierte bekannt gewordene Online-Durchsuchungen der letzten drei Jahre und die damit verbundenen Technik ("Less-than-Zero-Day-Exploits"). Professor Pohl kam außerdem zu dem Ergebnis, daß neben dem Vertrauensschaden die hohen Entwicklungskosten, das "Züchten" einer Szene und der im Sommer verabschiedete $202c StGB ("Hackerparagraph") Unternehmen und Privatpersonen schädigen würde.

 Pohl führte in seinem Aufsatz etwa ein Dutzend seit 2005 bekannt gewordene Online-Durchsuchungen des BND an, von denen etwa ein Viertel im Auftrag anderer Behörden durchgeführt worden seien. Er stellte drei Verfahren vor, mit denen Behörden auf die Rechner ihrer Opfer gelangen könnten:

  • Viren, Würmer und Trojanische Pferde
  • Zero-Day-Exploits
  • Less-Than-Zero-Day-Exploits

 Von diesen drei "Verfahren" sei allerdings nur das letztere dazu geeignet, den Wünschen Schäubles zu entsprechen. Bei "Less-Than-Zero-Day-Exploits" wird eine Schwachstelle in einer Anwendung und deren Ausnutzung zwar entdeckt, von einer Veröffentlichung aber abgesehen, meist mit dem Ziel, sein Know-How an den Hersteller zu verkaufen oder gewinnbringend über einen grauen Markt zu veräußern. Laut Professor Pohl stehe dies im Gegensatz zu der Verpflichtung Deutscher Behörden, speziell des Bundesinnenministeriums, vor Sicherheitslücken und Schwachstellen zu warnen.

 Pohl räumte auch mit dem Vourteil auf, der Bundestrojaner werde aus einem eindeutigen Schadcode bestehen. Vielmehr beinhalte eine Online-Durchsuchung ein Bündel von unterschiedlichen Maßnahmen. Ebenso wies er auf die Gefahren hin, die der $202c StGB berge, da die Strafbarkeit vom Zweck des Tools abhänge und nicht von den Zielen oder Aktivitäten der Handelnden. Jeder, der sich zukünftig mit z.B. "Less-Than-Zero-Day-Exploits" befasse, mache sich strafbar. Ausländischer Wirtschaftsspionage sei damit Tür und Tor geöffnet.

[Update] 

 Passend dazu hat "die Zeit" heute eine Glosse unter dem Titel "Trojanische Horde" veröffentlicht, in der auf die Zusammenhänge Bundestrojaner, Hackerparagraph, Linux und Bundesaußenministerium eingangen wird. Lesenswert! 

Aug 27

 Für einiges Aufsehen sorgte die Bundesregierung in den letzten Tagen, möglicherweise jedoch eher unbeabsichtigt. In einem Antwortpapier auf einen Fragenkatalog der SPD-Bundestagsfraktion erläuterte ein Mitarbeiter des Innenministeriums, wie dieses sich den Einsatz des sogenannten "Bundestrojaners" vorstelle und legte außerdem dar, wie der vom Bundesverfassungsgericht geforderte Schutz der Privatsphäre gewährleistet werden solle. Alles in allem klingen die Beschreibungen in dem Papier jedoch mehr als abenteuerlich.  Fast zeitgleich veröffentlichte der Spiegel einen Artikel,  in dem beschrieben wird, wie zahlreiche Computer im Kanzleramt und in drei Ministerien von Trojanern befallen gewesen seien, die der Übermittlung von Daten nach China dienten.

 Sowohl  das  Schreiben des Innenministeriums,  als auch die Reaktionen der Regierung auf  die Entdeckung der  infizierten Rechner lassen nicht wirklich auf geballte Kompetenz schließen. Hatten die früheren (illegalen) Versuche unserer Fahnder, Computer online zu überprüfen, noch ihren Ursprung in CDs, die bei den Betroffenen einfach in den Briefkasten geworfen wurden (in der Hoffnung, daß diese die darauf befindliche Software ungeprüft starten würden), soll der Angriff nun über E-Mail-Anhänge, z.B. Word- oder MS-Powerpointdateien erfolgen. Eine zweite Variante bestehe im Clonen der PC-Festplatten, die dann anschließend durch mit RFS (Remote Forensic Software) versehene Platten ersetzt werden sollen. Das Risiko einer Entdeckung bezeichnte das Innenministerium als gering. Sollte der Besitzer eines observierten PCs wider Erwarten doch mißtrauisch werden, könne man das Virus einfach entfernen. Auch der Schutz der Privatsphäre sei durch Einsatz bestimmter "technischer Maßnahmen" gewährleistet.

 Unabhängig von der verfassungsrechtlichen Fragwürdigkeit erinnert mich dieses Vorgehen eher an einen schlechten Sat1-Film denn an IT-Kompetenz. Ich stelle mir gerade vor, wie ich eine E-Mail mit einer "Ist wirklich lustig" Powerpoint-Datei erhalte. Innen drin befindet sich dann ein Trojaner mit einem Algorithmus, der "Meine geheimsten Sexphantasien.doc" in Ruhe lässt, aber die im gleichen Verzeichnis befindlichen Dateien "Anleitung zum Bombenbau.pps" und "Mitgliedsbeiträge Al Quaida.xls" an den Verfassungsschutz sendet.

 Offenbar befindet sich der Wissensstand der Mitarbeiter des Innenministeriums auf gleichem Niveau wie das IT-Knowhow im Bundeskanzleramt und drei weiteren Ministerien. Dort wurden nämlich tatsächlich Trojaner entdeckt und – laut Aussage des BMI und des Verfassungsschutzes – die Übermittlung von etwa 160GB Daten an eine Adresse in China "gerade noch rechtzeitig" verhindert. Wie die ermittelnden Beamten so sicher sein können, daß wirklich nichts nach China übertragen wurde, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

 Vielleicht sollte Schäuble unserer Bundeskanzlerin, die sich gerade auf dem Weg nach China befindet, einen Fragenkatalog mitgeben und sich den professionellen Einsatz von Spionagesoftware von chinesischen Spezialisten mal so richtig erklären lassen. Und der Verfassungsschutz nimmt am nächsten Camp des CCC teil – wenn die Schlapphüte nicht sowieso schon (unentdeckt) beim letzten Treffen waren.

Jul 07

 Was waren denn das für zwei Tage auf dem Heiseticker? Die Horrormeldungen schlugen dort fast im Stundentakt auf:

 Als Nachtisch: 

 

 Dazu passt eine Kleinanzeige, die gestern in einem Forumsbeitrag bei Heise veröffentlicht wurde:

  "Bürgerliche und technische Elite Deutschlands, größtenteils mehrsprachig und akademisch ausgebildet, liberal-demokratisch und engagiert für das Gemeinwesen ausgerichtet, mit und ohne Kinder sucht neuen Staat zur dauerhaften Bleibe. Nur ernstgemeinte Zuschriften und seriöse Innenminister."

 Ich bin dann mal wech, Weltmeister werden … ;-)  

 

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