Feb2011 08

Eine Nacht geschlafen, irgendwie erleichert, nun doch nicht im »Genuss« dieser Verantwortung zu sein, aber auch ein wenig angesickt, weil ich mein selbstgestecktes Ziel nicht erreicht habe, möchte ich einige persönliche Eindrücke vom LPT2011.1 loswerden. Keine Angst, es ist nicht das übliche Jammern, was man/frau nach Parteitagen von Mailinglisten kennt. Und dass ich dem neuen Vorstand zutraue, gute Arbeit zu leisten, professionelles Zusammenspiel und reichlich Unterstützung durch den Landesverband vorausgesetzt … geschenkt. Das wissen die meisten der Gewählten aufgrund persönlicher Gespräche während und nach der Wahl. Das hier geht mehr an die Mitglieder, die schweigende oder redende Mehrheit. Einige Dinge machten mich gestern nämlich etwas nachdenklich.

Den »Kaninchenzüchterverein« habe ich ja bereits auf der Bühne erwähnt. Der Kungler hat mittlerweile gezeigt, dass es auch anders geht. Da gibt es auf der Kandidatenseite Fotos, Informationen zu den Kandidaten, Statements und die Möglichkeit der Kommunikation. Was läuft denn da schief?!

Zur Kandidatur hatte ich sieben Tage vor dem LPT ein Konzept dargelegt, in dem ich meine Vorstellung von einer satzungskonformen Arbeit des polG skizziert hatte. Dieses Konzept wurde von Bewerbern um den Vorsitz des Landesverbands nicht nur gewogen, sondern auch für reichlich schwer befunden, wie mir sowohl persönliches Feedback und Blogs einiger Kandidaten in den Tagen vor der Wahl, als auch das reichliche Bedienen Zitieren daraus von ausnahmslos allen in der Vorstellungsrunde am Sonntag mehr als deutlich bestätigten. Gut, einiges lag wirklich auf der Hand.

Aber wenn nach meiner eigenen Bewerbung auf der Bühne aus den Reihen der Mitglieder der möglicherweise berechtigte Hinweis kommt, nicht jeder sei im Internet so zu Hause, dass er oder sie sich mit den Ideen auseinandersetze, die ein (ex)potentielles Vorstandsmitglied in Bits und Bytes gepackt hat, stelle ich mir folgende Frage: Was macht die Piratenpartei – die selbsterklärte Vorreiterin im digitalen Leben – eigentlich falsch, wenn es noch nicht einmal die eigenen Mitglieder verstehen, grundlegende Ressourcen aus eben diesem digitalen Leben zu nutzen oder ihren unkundigen Mitstreitern näherzubringen?

Sogar einem selbsternannten Vordenker – er möge mir jetzt diese provokative Erwähnung verzeihen, denn ich glaube, im richtigen Leben sind wir gar nicht so weit auseinander – blieb nur das von mir herausfordernd, aber wahrscheinlich leichtfertig verwendete und auf mich selbst bezogene Adjektiv »phantasielos« im Gedächtnis. Dabei wollte ich an der Stelle eigentlich den Eindruck des »visionären polG« korrigieren. Ich habe nämlich in der Vergangenheit mehrfach am eigenen Leibe die Erfahrung »(v)erlebt«, dass Erfolg zu 99% aus Transpiration und nur zu einem Prozent aus Inspiration besteht (

Die Vordenker, Phantasiereichen und Kreativen braucht’s wirklich bei den Piraten, davon bin ich überzeugt. Vielleicht als 1. Vorsitzenden, keinesfalls aber als polG! Die Intellektuellen und Querdenker sollten meines Erachtens ihre genialen Ideen (sic) in Arbeitskreisen versprühen oder nach außen repräsentieren, so denn medientauglich. Ideal wäre natürlich eine Kombination aus beidem. Sie dürfen Ihr Talent jedoch nicht in Planung und Organisation verschwenden oder sich in Strukturdiskussionen aufreiben. Vielleicht schreibe ich aber auch Stuss und habe einfach die Satzung sowie die Bedeutung der Worte »beobachten«, »hinweisen», »betreuen« und »fördern« nicht richtig begriffen. Man möge mich da bitte aufklären.

Ebenso habe ich den – von einigen (Ex-)Mitgliedern des LV geäußerten – Vorwurf des »Kölschen Klüngels« nicht nachvollziehen können. Was ist daran Klüngel, wenn potentielle Vorstandskandidaten, aus (fast) allen Ecken NRWs kommend, aufgrund der äußerst diffusen und öffentlich angemahnten Kandidatenlage voher überlegen, ob und wie sie denn im Falle eines Falles zusammenarbeiten werden, dies rechtzeitig im Wiki auf der Seite der Ämtervorschläge und per Twitter/Blogs bekanntgeben, sich auch öffentlich in Mumble treffen?

Und warum ist es kein »Bergischer Klüngel«, wenn ein Bewerber seine endgültige Zusage zur Kandidatur zurückhält, darauf wartend, ob ein jetzt ehemaliges LaVo-Mitglied aus dem Nachbarort beschließt, sich vielleicht doch als polG zur Verfügung zu stellen? Und beide ihre Entscheidung vor den restlichen Kandidaten und (fast?!) allen anderen LV-Mitgliedern geheimhalten, erst im letzten Moment, Minuten vor den Vorstandswahlen »Farbe bekennen«? Das riecht für mich viel mehr nach Hinterzimmer und Parteiklüngel. Aber auch hier lasse ich mich gerne belehren.

(Bitte nicht mißverstehen, Alexander und ich waren während der Auszählung der Stichwahl ziemlich entspannt, standen zusammen draußen, haben eine geraucht und uns gegenseitig versichert, dass wir den anderen in seiner Arbeit unterstützen werden. Dazu stehe ich auch. Und mit einer Stimme Unterschied in der Stichwahl zu verlieren, na ja, ich hab schon üblere Bad Beats erlebt.)

Was fiel mir sonst noch so auf? Zwei Bonsai-Spin-Doctoren – bei dem einen ist das Wort »Bonsai« aufgrund der Körperlänge vielleicht nicht ganz zutreffend – paritätisch gut verteilt sowohl in Raum als auch in »politischer« Ausrichtung, versuchten ihr Glück an den Kandidaten für den 1. und 2. Vorsitz. Ich blieb, warum auch immer, von deren Imageberatungen, in denen sich höchstens zwei Prozent (Alibi-)Frageanteil verbargen, weitestgehend verschont. Liebe Hobby-»Spinner«: Diese Versuche waren amateurhaft und leicht zu durchschauen. Arbeitet daran oder überlegt, ob die Piraten zur nächsten Vorstandswahl nicht neben der Frage- auch eine offizielle Bash- und Rant-Runde einführen sollten. Das wäre »piratiger«.

Natürlich haben wieder einige Mitglieder des Landesverbands über den Tag verteilt – ich bin so gegen 18:30 Uhr gefahren – unter Beweis gestellt, dass sie weder Parteiengesetz noch Satzung kennen. Korrigiere, vielleicht doch kennen, aber persönliches Geltungsbedürfnis über das Wohl des Landesverbands und die Zeitplanung der Organisatoren stellen. Zugegeben, es waren wesentlich weniger als früher und als befürchtet.

Von der Ankündigung der Aktion »Liederbücher« hatte ich mir etwas mehr emotionale Begeisterung im Raum erwartet. Immerhin gibt es hier für alle – möglicherweise arg darbenden – lokalen Crews und Stammtische reichlich Futter, für lau und mit wenig Arbeit verbunden. Vielleicht, nur vielleicht fehlte dem ein oder anderen der LV-Teilnehmer auch die Phantasie, das Potential dieses Geschenks zu erkennen.

[Update: Die Reaktionen auf Twitter und per Mail/Listen haben mich mittlerweile wesentlich zuversichtlicher gestimmt. Die Wikiseite steht übrigens.]

Ach ja, und unser erster Bundesvorsitzender, ebenfalls Mitglied im LV, war nicht da. Vielleicht hatte er einen guten Grund, vielleicht war er verhindert. Alles in allem also ein ganz normaler Parteitag in einer ganz normalen Partei. Nur die drei »P«, Professionalität, Prozente und Parlamente fehlen uns noch. Äh … moment mal … »normal«?

PS. Nur am Rande: Mit Richard bin ich übrigens wieder im Reinen. Wir haben vor dem LPT fünf Minuten miteinander gesprochen, er hat mir seine Sicht der Dinge erklärt, ich habe mich für einen auf der NRW-Mailingliste verwendeten Ausdruck entschuldigt und tue das hier noch einmal. Ich bleibe aber bei meiner Überzeugung, dass sich ein Landesvorstand einer libertären politischen Partei nicht erlauben kann, sechs Tage ohne offzielles Statement verstreichen zu lassen, wenn auf einer offziellen Mailingliste eben dieser Partei Judenwitze bezüglich des Holocaust oder Verunglimpfungen von türkischen Minderheiten veröffentlicht werden.

One Response to “Nachgekartet – Der #LPTNRW im ultimativ subjektiven Rückblick”

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by corax and Piraten-Mond, Achim Mueller. Achim Mueller said: New Blogpost: "Nachgekartet – Der #LPTNRW im ultimativ subjektiven Rückblick" http://is.gd/Dx7Wwy [...]

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