… hat auch nichts zu befürchten, oder?
Mal unabhängig von der Sinnbefreitheit dieses Spruchs, der sehr gerne – wenn auch manchmal mit einem Augenzwinkern – von Befürwortern diverser Überwachungsszenarien (Bundes-Trojaner, Vorratsdatenspeicherung, Zugangserschwerungsgesetz, ELENA, etc.) zitiert wird: Was geht eigentlich gerade ab in dieser Welt und im »Zwischennetz«?
Ein Online-Portal veröffentlicht 250,000 (in Worten: zweihundertfünfzigtausend) Dokumente, die hauptsächlich die interne Kommunikation von US-Diplomaten in aller Welt mit der eigenen Regierung in Washington beinhalten. Daraufhin beginnt ein bis dato beispielloses Kesseltreiben einiger weniger Regierungen und staatshöriger Unternehmen gegen den Initiator des Portals und das Portal selbst.
Die 68er hätten vor vierzig Jahren wahrscheinlich von der »reaktionären Kraft des Establishments« gesprochen, heute sitzen sie in demselben – den Regierungen und Unternehmen nämlich – und halten den Mund oder beteiligen sich selbst an der Hetzjagd. Was in den vergangenen Tagen und Wochen rund um Wikileaks passiert ist, raubt einem fast den Atem, so unglaublich ist es, sammelt und sortiert man mal nüchtern alle Fakten. Und es zeigt sehr schön auf, dass als sogenannte »vierte Macht im Staate« nicht mehr die klassische Presse agiert.
Diesen Platz hat – das ist spätestens seit dem vergangenen Wochenende deutlich geworden – längst das anonyme und anonymisierende Internet eingenommen. Das Internet, welches allen und keinem gehört. Das Internet, welches weder an Staatsgrenzen noch vor Konzerntoren Halt macht. Das Internet, welches die etablierte Politiker (immer noch) nicht verstanden haben. Das Internet, welches die Großkonzernen dieser Erde (immer noch) nicht kontrollieren. So sehr sie sich auch bemühen, die Damen und Herren des Establishments. Und vielleicht haben sie gerade deshalb so viel Angst davor, die Politiker/-innen und Konzernvorstände. Man weiß es nicht. Aber man ahnt es langsam.
Was ist eigentlich passiert?
Wikileaks ist eine nichtkommerzielle Internet-Plattform, auf der anonym Dokumente veröffentlicht werden können, bei denen ein öffentliches Interesse angenommen wird[1]. Die Betreiber von Wikileaks spionieren oder stehlen nicht, sie stellen nur sicher, dass sogenannte »Whistleblower« brisantes Material anonym der breiten Masse zu Verfügung stellen können. Die 2006 gegründete Plattform, die übrigens nichts mit der Wikimedia Foundation zu tun hat, erregte in Deutschland unter anderem Aufsehen durch die Veröffentlichung
- eines internen Dokuments der isländischen Kaupthing-Bank
- von Auszügen aus den Toll-Collect Verträgen
- eines Feldjägerreports zu den umstrittenen Bombardierungen zwei Tanklaster in Afghanistan
- und eines Videos einer Bombadierung durch die U.S. Armee in Bagdad [2]
Die letztgenannte Veröffentlichung galt als umstritten, weil das Video nicht, wie vorherige Dokumente, nur unbearbeitet, sondern für die Zuschauer auch aufbereitet und geschnitten zur Verfügung gestellt wurde. [3]
Endgültig verscherzt haben es sich die Betreiber von Wikileaks mit dem »großen Bruder« in den vergangenen Wochen durch die Veröffentlichung von ca. 400,000 U.S.-Militärpapieren [4] im Oktober und von mehr als 250,000 U.S.-Diplomatenberichten Ende des vergangenen Monats [5]. Beide Aktionen fanden in enger Zusammenarbeit mit u.a. der »New York Times«, dem »Guardian«, »Le Monde«, »El Pais« und hier in Deutschland mit dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« statt.
Und wie hat wer darauf reagiert?
- Das in den U.S.A. beheimatete Internet-Unternehmen Amazon hat vorher gehostete Seiten Wikileaks´von seinen Servern entfernt. [6] Begründet wurde diese Aktion mit einer Verletzung der »terms of use«.
- Der DNS-Provider »everydns« mit Sitz in den U.S.A. hostet die DNS-Einträge der orginalen Wikileaks Domain nicht mehr. Begründung: Andauernde DDOS-Attacken, welches den Betrieb anderer Kundenseiten beeinträchtigen würde. [7]
- Das ebenfalls in den U.S.A. ansässige Unternehmen Paypal, ein Online-Bezahldienst, sperrte ein Spendenkonto der (deutschen) »Wau-Holland-Stiftung«, auf welches vorher Gelder für Wikileaks flossen. [8] Begründung: Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen.
- Auch das Kreditkarten-Unternehmen »Mastercard«, eine U.S.-Aktiengesellschaft, erlaubt seit heute keine Transfers auf die Spendenkonten von Wikileaks mehr. [9].Hier lautet der Grund: Wikileaks sei in illegale Aktivitäten verwickelt.
- Der Microblogging-Dienst »Twitter« (Sitz in den U.S.A) hat den Suchbegriff »wikileaks« offensichtlich aus seinen »trending topics« entfernt. [10]
- Das U.S. State Department hat die Studenten der Columbia University’s School of International and Public Affairs davor gewarnt, auf Facebook oder Twitter über Wikileaks zu diskutieren. [11]
- Der Domain-Hoster Hetzner, ein Unternehmen mit Sitz in – nein, nicht U.S.A., sondern Stuttgart – verbietet das Spiegeln von Wikileaks-Seiten. [12]
- [Update 7.12.2010, 23:48 Uhr]: Wie mir ampheus gerade mitteilte, hat Hetzner seine Position offenbar überdacht und erlaubt das Hosting jetzt doch [22]
- [Update 8.12.2010, 00:31 Uhr]: Man kann gar nicht so schnell schreiben, wie die Updates hier eintrudeln. Nun hat offensichtlich auch das Kreditkartenunternehmen »Visacard« Zahlungen an Wikileaks gesperrt. Wie heißt es so schön in der Werbung? »Visa, die Freiheit nehm ich
mirDir!« [24]
Die zahlreichen Forderungen diverser U.S.-Politiker (ausliefern, als Terrorist einstufen, hinrichten, etc) erspare ich mir hier aufzuzählen. Sucht selbst danach.
Interessant an den oben aufgelisteten Aktionen ist, dass
- etwa zwei Millionen U.S.-Bürger (erlaubten) Zugriff auf die Diplomaten-Depeschen hatten und noch haben.
- der Besitz bzw. die Veröffentlichung solcher Dokumente grundsätzlich nicht verboten ist, sondern zunächst einmal nur der Diebstahl selbst. Und die Daten wurden weder von Wikileaks entwendet, noch haben die Betreiber aktiv dazu aufgerufen.
- Presse – und dazu zähle ich Wikileaks – grundsätzlich einen besonderen Schutz geniessen sollte. Man denke nur daran, welche Auswirkungen eine Strafverfolgung auf den sonstigen Enthüllungsjournalismus hätte.
die meistenviele nicht involvierte Tageszeitungen und Magazine eher kritisch oder negativ über Wikileaks berichten. Futterneid?- die wenigen beteiligten oder unterstützenden Zeitungen und Magazine (z.B. »Der Spiegel«) nicht verfolgt oder mit Repressalien bedroht werden.
- bis heute kein Gericht der Welt einen oder mehrere Betreiber der Plattform Wikileaks wegen der Veröffentlichung der Dokumente unter Anklage gestellt hat.
- Amazon weiterhin Geld an Produkten verdienen möchte, die im Zusammenhang mit Wikileaks stehen. [13]
- niemand ähnliche Aktionen gegen die Finanzminister der Bundesländer NRW und Baden-Württemberg oder den Bundesfinanzminister angedacht oder gar durchgeführt hat. Ihr erinnert Euch an den Kauf diverser »gestohlener« Steuer-CDs?
- der U.S.-Botschafter in der Schweiz konstatiert, dass Assange (der bekannteste Gründer und Betreiber von Wikileaks) in den U.S.A. mit Wikileaks keine Gesetze gebrochen habe. [25]
Es gibt aber auch viel Positives zu berichten.
- So ist das »ehemalige« Nachrichtenmagazin« (Fefe) offenbar dabei, alte Qualitäten wiederzuentdecken.
- Mittlerweile existieren über siebenhundert Spiegel der Orginalseiten von Wikileaks. [14]
- KenFM hat einen extrem hörenswerten Kommentar verfasst, der u.a. bei Radio Fritz (Berlin) gesendet wurde und auch auf Youtube abrufbar ist. [15]
- Udo Vetter hat einen sehr guten Artikel zum Thema Pressefreiheit geschrieben, sehr lesenswert! [16]
- Fast eine Millionen User »mögen« wikileaks auf Facebook. [17] Wenn dieses Blog fertig ist, wird die Millionengrenze bestimmt überschritten sein.
- Glaubt man den Reaktionen auf Twitter, auf diversen Mailinglisten oder Blogs, so hat Paypal in diesen Tagen mit tausenden von Account-Kündigungen zu kämpfen. [18]
- Die Piratenpartei – deren Mitglied auch ich bin – in Deutschland, Österreich und der Schweiz stellt sich aktiv hinter Wikileaks (aber auch hinter jeden anderen »Whistleblower«). [19]
- Der Schweizer Provider »switch.ch«, zuständig für ch-Adressen, positioniert sich klar und eindeutig[20].
- Das U.S. Magazin »Time« listet einen der Gründer von Wikileaks, Julian Assange, immer noch in der Rubrik »Person of the Year« auf. [21]
- [Update 8.12.2010, 00:15 Uhr]: Die Wau-Holland-Stiftung hat mittlerweile mit einer Presserklärung auf die Sperrung ihres Paypal-Kontos reagiert und rechtliche Schritte eingeleitet. [23]
Wie geht es weiter?
Eine gute Frage. Ich denke, dass wir zur Zeit – ähnlich wie 1967/68 an einem Scheideweg stehen. Die U.S.-Regierung hat während des Vietnam-Kriegs den Rückhalt in ihrer eigenen Bevölkerung und in großen Teilen der westlichen Welt in dem Moment verloren, als freie und ehrliche Journalisten schonungslos über die Greueltaten gegen die Vietnamesen berichteten. Spätere Regierungen meinten daraus »gelernt« zu haben und ließen nur noch handverlesene Reporter in ausgesuchte Kriegsregionen.
Die meisten gesellschaftlich einschneidenden Geschehnisse der vergangenen Jahre, der Einmarsch in Afghanistan, der zweite Krieg gegen den Irak, das Kioto-Abkommen, können müssen nach der Publikation von brisanten Dokumenten durch Wikileaks unter einem ganz anderen Licht gesehen werden. Und viele Menschen haben es mittlerweile satt, von der »Obrigkeit« oder den großen Konzernen ausgenommen, gegängelt und belogen zu werden. Im Internet formiert sich eine Protestbewegung, dass ist nicht erst seit »Zensursula« deutlich geworden und wird nicht mit dem Protest gegen #Stuttgart21 enden.
Wer die Information hat, der hat auch die Macht. Und was wir in diesen Tagen erleben, ist meines Erachtens der Anfang eines Kriegs mit neuen Waffen. Ein Informationskrieg! Die etablierte Politik und diverse Konzerne rüsten gerade auf. Sie fürchten das Internet, seine Schnelligkeit und Vielfalt. Noch mehr jedoch die eigene Unfähigkeit, es so zu kontrollieren, wie sie heute die klassischen Medien kontrollieren. Dehalb die Hetzjagd der U.S.A gegen Wikileaks. Deshalb der Druck der Politik auf einige U.S.-Unternehmen. Deshalb auch die Untätigkeit der meisten westlichen Regierungen nach Offenlegung der Diplomatenpapiere.
Meinungs- und Pressefreiheit wird heute nicht mehr von den gewählten Volksvertretern gestützt. Ja, sie tolerieren sie vielleicht noch oder akzeptieren es zähneknirschend als notwendiges Übel in einer (schein-)demokratischen Umwelt. Aber sie setzen sich nicht mehr bedingungslos dafür ein. Deshalb ist es jetzt an uns, den Usern und Gestaltern des Internets, dieses hohe Gut zu schützen.
Es gibt einen weiteren Spruch, der in diesen Tagen vielleicht besser passt, als der ursprüngliche Titel dieses Blogs:
Wenn Du nicht möchtest, dass wir darüber berichten, dann tue es nicht.
—
Quellen:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/WikiLeaks
[2] http://wikileaks.piratenpartei.de/ (Weil die Orginaldomain www.wikileaks.org zur Zeit nicht erreichbar ist, kann ich hier leider nicht alle Quellen angeben)
[3] http://www.collateralmurder.com/
[4] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74822636.html
[5] http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731389,00.html
[6] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/12/01/AR2010120103863.html
[7] http://www.golem.de/1012/79859.html
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/PayPal-sperrt-Spendenkonto-von-Wikileaks-1147516.html
[9] http://news.cnet.com/8301-31921_3-20024776-281.html?part=rss&subj=news&tag=2547-1_3-0-20
[10] http://bubbloy.wordpress.com/2010/12/05/twitter-is-censoring-the-discussion-of-wikileaks/
[11] http://news.yahoo.com/s/mashable/20101205/tc_mashable/state_department_warns_students_against_discussing_wikileaks_on_facebook_twitter
[12] http://www.meetinx.de/hetzner-verbietet-mirror-von-wikileaks-auf-eigenen-servern-domainfactory-duldet-es/
[13] http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Daps&field-keywords=Wikileaks&x=0&y=0
[14] http://wikileaks.piratenpartei.de/mirrors.html
[15] http://www.youtube.com/watch?v=HVJAUECLdo8
[16] http://www.lawblog.de/index.php/archives/2010/12/07/kriegsgerat-serverplatz/
[17] http://www.facebook.com/wikileaks
[18] http://twitter.com/#!/search/paypal
[19] http://www.piratenpartei.de/Pressemitteilung-101205-Piratenparteien-spiegeln-Wikileaks-zur-weltweiten-Unterstuetzung-des-Whistleblowings
[20] http://www.switch.ch/de/about/news/2010/wikileaks
[21] http://www.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,2028734_2028733,00.html
[22] http://www.golem.de/1012/79956.html
[23] http://www.wauland.de/presseerklaerung_accountsperrung.html
[24] http://www.bbc.co.uk/news/business-11938320
[25] http://www.tagesanzeiger.ch/digital/internet/Pfui-Schaemt-Euch-Postfinance/story/23279767