Feb2011 16

Journalisten und Verleger haben es schwer in Zeiten des Internets und der (fast) kostenlosen Versorgung mit Nachrichten. So schwer, dass sie sich hin und wieder etwas einfallen lassen müssen. Die einen verstehen weder Markt noch Internet und drohen mit ihren Anwälten. Andere besinnen sich auf die Tugenden des Qualitätsjournalismus, recherchieren sauber, überprüfen ihre Quellen und denken nach, bevor sie schreiben. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe:

Die Helden an der Front! Die Horst Schlämmers der Republik! »Knallhart recherchiert, unbarmherzig nachgefragt, schonungslos offengelegt«, so lautet ihr tägliches Mantra. Sie stehen morgens auf, verdauen eine Rolle Stacheldraht mit Salpetersäure, packen ihre Kamera, ziehen die verspeckte Safariweste über und anschließend hinaus in die harte Welt der deutschen Parteienlandschaft. Dort angekommen wird investigiert, bis der Arzt kommt. Manchmal kommt er leider zu spät, der Arzt.

Unter Einsatz seines Lebens hat der Shootingstar des investigativen Journalismus den auf dem Landesparteitag der NRW-Piraten in Gelsenkirchen öffentlich ausliegenden Kassenprüferbericht gemopst. Einfach so. Keiner hat’s gemerkt. Und jetzt »liegt er der WAZ-Mediengruppe vor«. Also, der Kassenprüferbericht, nicht der neue Stern am Journalistenhimmel. Dem liegen nämlich sämtliche Ressortleiter und Chefredakteure zu Füßen. Und küssen ihm die selbigen ob seines Meisterstücks.

Na ja, vielleicht sollte man ihm, dem Herrn Brandt stecken, dass die Piraten so ziemlich jeden Vorgang in ihrem Wiki veröffentlichen. Protokolle, Berichte, Zahlen, Streams, einfach alles. Mopsen wäre also gar nicht nötig gewesen. Gut, Spötter werden jetzt dagegen halten, es gebe kein besseres Versteck als das Piratenwiki. Auch wieder wahr.

Was hat er denn überhaupt herausgefunden, der Herr Brandt? Da gibt es bei den Piraten in NRW offensichtlich (noch) nicht zuordenbare Einnahmen in einer Gesamthöhe von etwa 4.600,- €. In Worten: Viertausendsechshundert. Ja, es wird auch ausgeschrieben nicht mehr. Eher weniger, wenn man weiß, dass sich diese Summe über etwa 80 Buchungen in insgesamt drei Jahren erstreckt. Der Herr Brandt hat keine Mühen gescheut, nächtelang das Kassenbuch studiert, sich durch den auch im Wiki verfügbaren Kassenprüferbericht gearbeitet, Parteispendengesetze gewälzt. Und wittert nun einen Finanzskandal von noch ungeahntem Ausmaß.

Glaubt man seinen eigenen Schlagzeilen, so handelt es sich hierbei um eine Story mindestens in der Größenordnung von Ehrenwörtern und Erinnerungslücken. Ach ja, was waren das noch für herrliche Zeiten, als ein Altbundeskanzler über dem Gesetz und ein Koffer voller Geld auf einmal unter dem Schreibtisch standen.

Bei näherer Betrachtung reduziert sich das piratige »Gelsengate« zwar auf (teils entschuldbare) Schlamperei, durch die sich die Piratenpartei ausschließlich selbst finanziellen Schaden zugefügt hat. Aber damit lockt man heutzutage keinen Leser mehr hinter dem Ofen hervor. Auch enthalten beide Artikel nachweisliche Fehler in der Sache. Ebenfalls egal. Wird in den Redaktionen heutzutage wahrscheinlich als Kollateralschaden verbucht. »Was das Boulevardblatt mit den vier Buchstaben kann, das können wir schon lange«, so lautet anscheinend das Motto.

Ach so, was hat das alles eigentlich mit dem Titel dieses Blogposts zu tun? Nun, auch mir ist heute über Umwege hochexplosives Material zugespielt worden. Geheime Aufnahmen, welche gewissermaßen einen »Counterleak« zu den skandalösen Vorgängen um die Piratenpartei darstellen.

Zwei Bilder (vergleicht bitte vorher u. nachher), mit der ultrageheimen, von der NSA entwickelten Killerapplikation »Screenshotmachen« erstellt, von gewissenlosen Raubmordkopierern entwendet, dokumentieren ebenso schonungslos, unter welch immensem Druck unsere selbstlosen Journalisten heute offensichtlich stehen. Eventuell aufklärende Kommentare werden da schon mal zu Gunsten der Intention des ursprünglichen Artikels geopfert.

Die Whistleblower – möglicherweise sogar aus den Reihen des Onlineportals »Der Westen«, denn wer sonst käme an solch brisante Informationen – stehen übrigens nach eigenen Angaben noch in Verhandlungen mit dem Nachrichtenmagazin »Rheinische Post«. Zur Zeit prüfe ein eilig zusammengestelltes Redaktionsteam die Echtheit der Unterlagen. Und jetzt bin ich ihnen, sozusagen mit einem »Gegen-Counterleak« zuvorgekommen. Au Backe, das gibt Mecker. Ich befürchte, wir sehen gerade den Anfang eines gigantischen Cyber-Leak-Wars.

PS. Wer hier Übertreibung, Ironie oder sogar Satire gefunden hat, darf sie behalten. Und bekommt von mir beim nächsten Treffen eine Clubmate ausgegeben.

Außerdem haben dazu geblogt:

»Und jetzt noch ein Skandälchen«
»NRW-Piraten und Finanzen: “Fehler zu begehen ist kein Skandal – Fehler zu vertuschen schon”«
»Finanzskandal in der Piratenpartei«
»DerWesten konstruiert Finanzskandal«
»Der WAZ-Artikel ist reif, (zer)pflücken wir ihn«

One Response to “»Seit 17 Uhr 45 wird jetzt zurückgeleakt!«”

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Mathias Küfner, Piraten-Mond. Piraten-Mond said: acepoint's home » Pol-IT : »Seit 17 Uhr 45 wird jetzt zurückgeleakt!« http://is.gd/uHFX34 [...]

Leave a Reply

*

preload preload preload